Das LANGENBECK-VIRCHOW-Haus als Heimstätte der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie

Das LANGENBECK-VIRCHOW-Haus als Heimstätte der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie
H.-J. PEIPER, Göttingen

(Festvortrag bei der Feierstunde zum Wiedereinzug am 23.2.2001 in Berlin)

Abb. 1: Bernhard von LANGENBECK (1810–1887), Direktor der Königlichen Chirurgischen Universitätsklinik in der Ziegelstraße, Berlin; Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, langjähriger Präsident und Ehrenpräsident dieser Gesellschaft und Vorsitzender und Ehrenpräsident der Berliner Medizinischen Gesellschaft

„Für einen Stand ist nichts so bedeutend, als dass er feststeht, und wo steht es sich fester als auf eigenem, freier Selbstbestimmung übergebenem Grund und Boden?”

Mit diesen Worten würdigte Ernst von BERGMANN die Realisierung eines Wunschtraumes seines Vorgängers, des Mitbegründers der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Bernhard von LANGENBECK, in seiner Rede anlässlich der Einweihung des alten Langenbeck-Hauses in der Ziegelstraße.

Und wir fügen hinzu: Ein Stand steht dort besonders fest, wo er einmal Wurzeln geschlagen hat. Dieser Wurzeln aber schienen wir Chirurgen infolge kriegsbedingter und politischer Schicksalsschläge beraubt, was an das Motto erinnert, unter das unser Präsidium die künftige Entwicklung unserer Fachgesellschaft gestellt hat: „Wer sich entwurzelt, atrophiert!”

Mit dem mühsam errungenen Wiedereinzug der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in das Langenbeck-Virchow-Haus wird ihr inzwischen mächtig verzweigter Baum neue Wurzeln schlagen. Wahrlich ein Anlass zu einer festlichen Feierstunde! In diesem Rahmen soll Ihnen ein Streifzug durch die wechselvolle Geschichte dieser Heimstätte deutscher Chirurgen geboten werden. Sie gingen ihrer Heimstätte verlustig infolge der kriegsbedingten Teilung unseres Landes mit einer mauerbewehrten Grenze durch Berlin, und wir mussten in der Folge mit Neid erleben, wie andere nationale Gesellschaften ihre Identität durch Stätten der Tradition pflegen konnten. Wer das Royal College of Surgeons in London besuchen konnte oder unter dem Ölbild von Lord Lister im Royal College of Surgeons of Edinburgh gesessen hat, wer etwas von der Ehrwürdigkeit der Akademie National du Medicine in Paris weiß oder den Gebäudekomplex des American College of Surgeons in Chicago kennt, um nur einige Beispiele zu nennen, der weiß, wie bitter der Verlust des Langenbeck-Virchow-Hauses für uns sein musste. Mit ihm fehlten eine wichtige Stätte für internationale Begegnungen und ein Kristallisationspunkt im medizinischen Leben der Stadt Berlin.

Abb. 2: Rudolf VIRCHOW (1821–1902), Direktor des Pathologischen Instituts der Charité, langjähriger Vorsitzender und Ehrenpräsident der Berliner Medizinischen Gesellschaft

Wenn jetzt ein Neuanfang mit großartigen Möglichkeiten bevorsteht, sollte man sich daran erinnern, wie sich unsere Gesellschaft den durch von BERGMANN erwähnten „Grund und Boden” geschaffen hat. Dabei sei als besonders bedeutungsvoll hervorgehoben, dass eine längere Vorgeschichte, die schließlich zur Schaffung des Langenbeck-Virchow-Hauses geführt hatte, von einem wiederholten Zusammenwirken mit der traditionsreichen Berliner Medizinischen Gesellschaft bestimmt war. Bereits 1860 gegründet, hatte diese durch ihre Mitglieder und Vorsitzenden enge Bande zu der 1872 gegründeten Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. So war Bernhard von LANGENBECK nicht nur langjähriger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, sondern nach dem Chirurgen Albrecht von GRAEFE auch der Berliner Medizinischen Gesellschaft. Finanziell wurde die Erstellung eines eigenen Vereinshauses der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, eines Langenbeck-Hauses, nur durch ein Zusammengehen der beiden Gesellschaften möglich. Dieses sollte dann auch den Grundstock für den späteren Besitz in Gestalt des neuen Langenbeck-Virchow-Hauses darstellen. Der Gedanke zum Bau einer eigenen Heimstätte für die deutschen Chirurgen war schon vom alten Wilhelm BAUM aus Göttingen wiederholt vorgebracht worden. Entscheidend hat sich dann Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach, Ehefrau Kaiser Wilhelms l, für diese Idee eingesetzt, sie bei den jährlichen Empfängen der Delegation aus Anlass der Chirurgenkongresse dem ihr freundschaftlich verbundenen Bernhard von LANGENBECK vorgetragen, schließlich aber erst nach dessen Tode zur Entscheidung gebracht: „Nicht ein Standbild irgendwelcher Art, und wäre es auch von des größten Künstlers Hand gefertigt und an offener Stelle aufgestellt, könnte den großen Meister der Chirurgie so ehren wie ein Haus, welches der Pflege der von ihm so mächtig geförderten Wissenschaft gewidmet sei; nicht eine Bildsäule LANGENBECK’s, sondern ein Langenbeck-Haus solle errichtet werden, den Kranken Heil, der Heilkunst Pflege!” (aus der diesbezüglichen Kabinettsorder der Kaiserin). Kaiserin Augusta, Wilhelm l, Kaiser Friedrich, viele Schüler und Verehrer LANGENBECKs und vor allem die Berliner Medizinische Gesellschaft stellten namhafte Beträge für den Bau zur Verfügung. Schließlich konnte dank des Entgegenkommens des damaligen Unterrichtsministers von GOSSLER relativ günstig ein besonders schön am Ufer der Spree, unmittelbar neben der Chirurgischen Universitätsklinik in der Ziegelstraße, gelegenes Grundstück erworben werden.

Abb. 3: Das alte Langenbeck-Haus (1892) als erstes Vereinshaus einer wissenschaftlichen Gesellschaft in Deutschland am Spree-Ufer im Bereich der Königlichen Chirurgischen Universitätsklinik in der Ziegelstraße

Der Architekt Ernst SCHMID erbaute das Haus 1891 bis 1892. Es sollte Geschäftsstelle, Tagungsstätte und Bibliothek für beide Gesellschaften bis 1915 sein (Abb. 3). Seine Einweihung erfolgte beim 21. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie mit Ansprachen durch den Vorsitzenden Adolph von BARDELEBEN, dem damaligen Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik in der Charité, sowie durch Ernst von BERGMANN, Direktor der Königlichen Chirurgischen Universitätsklinik in der Ziegelstraße (Abb. 4). Diesem kamen als Triebfeder des Vorhabens und als Baubevollmächtigtem der Gesellschaft besondere Verdienste zu. Durch ihn wissen wir, dass aufgrund der gegenseitigen Vereinbarung die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie Besitzerin des Hauses war, die Berliner Medizinische Gesellschaft Mieterin auf 25 Jahre, indem sie erhebliche Mittel u. a. aus einer Sammelaktion für ein Denkmal LANGENBECKs, der 12 Jahre lang ihr Vorsitzender gewesen war, einbrachte.

Abb. 4: Ernst von BERGMANN (1836–1907), Direktor der Königlichen Chirurgischen Universitätsklinik in der Ziegelstraße; Bevollmächtigter der Deutschen Gesellschaftfür Chirurgie für den Bau des Langenbeck-Hauses

In der Folgezeit wuchs die Ausstattung, so der Grundstock für die später bedeutende Bibliothek, die Ansammlung zahlreicher Bilder herausragender Chirurgen und eine größere Anzahl künstlerisch wertvoller Marmorbüsten, worüber später noch zu berichten ist. 1894 enthüllte Friedrich von ESMARCH aus Kiel auf dem 23. Kongress das bekannte „Gründerbild” von Ismael GENTZ, das von der Gesellschaft in Auftrag gegeben und durch Spenden bzw. Verzicht des Künstlers auf einen Teil des Honorars erstellt werden konnte. Es fand seinen Platz – und daher seine eigenartige Form – in einer Nische an der Schmalseite der Wandelhalle.Wir haben diese Nische noch an der Ruine des bombenzerstörten Hauses vor deren Abriss in den 80er-Jahren identifizieren können. Alle diese Ausstattungsstücke gelangten später in das neue Langenbeck-Virchow-Haus.

Bald nämlich schon wurde das alte Langenbeck-Haus am Spree-Ufer infolge der rasch wachsenden Mitgliederzahl zu klein. Auch drängten neuzeitliche technische Bedürfnisse zu Veränderungen. Diese waren an Ort und Stelle nicht zu realisieren, sodass man ein Neubauprojekt ins Auge fasste. Ein solches war aber auch erst durch erneutes Zusammengehen beider Gesellschaften, Aufbringung neuer Spenden, eine Hypothek seitens der Stadt Berlin über eine Million RM und den Verkauf des alten Gebäudes an das Unterrichtsministerium zwecks Erweiterung der Chirurgischen Klinik möglich.

Die Berliner Medizinische Gesellschaft gab hierzu den eigenen Plan eines Rudolf VIRCHOW, ihres ebenfallslangjährigen Vorsitzenden, gewidmeten Hauses auf. So entstand das Konzept eines Langenbeck-Virchow-Hauses als Denkmal für die beiden großen Dioskuren (Abb. 1 und 2) und als Symbol für den Aufstieg der neuen, naturwissenschaftlich begründeten Medizin im 19. Jahrhundert, aber auch für die Bedeutung Berlins, das in jenen Jahren zum Zentrum der Medizin nicht nur für Deutschland geworden war. So beschrieb Rolf WINAU bei einer Festvorlesung auf unserem Kongress 1995 das dem Neubau zugrunde liegende ideelle Programm. Auf Rat der Rechtsbeistände beider Vereinigungen wurde eine Langenbeck-Virchow-Haus-Gesellschaft Bürgerlichen Rechts gegründet.

Die Wahl des Baugrundstücks fiel auf ein durch Abriss alter Häuser frei werdendes Grundstück in der Luisenstraße, im so genannten Medizinischen Viertel. Die Geschäfte wurden von einer gemischten Bau- und Verwaltungskommission geleitet. Als Geschäftsführer kam der wiederholte Präsident und Ehrenpräsident sowie langjährige Schriftführer unserer Gesellschaft, Werner KÖRTE, damals Direktor der Chirurgischen Abteilung am Urban-Krankenhaus, zum Einsatz, also einer Ihrer Vorgänger, Herr BAER. Seitens der Berliner Medizinischen Gesellschaft wurde Leopold LANDAU mit dieser Aufgabe betraut. Er war langjähriger Schriftführer und auch Vorsitzender dieser Vereinigung und betrieb zudem mit seinem Bruder eine private Frauenklinik, die unmittelbar in der Nähe unseres heutigen Versammlungsortes gelegen war. Da er 1934 starb, blieb ihm, dem im Ersten Weltkrieg dekorierten Sanitätsoffizier jüdischer Provenienz, die Schmach des Dritten Reiches erspart.

Unter den eingebrachten Bauplanungen erhielt diejenige des Regierungsbaumeisters Prof. DERNBURG den einstimmigen Zuschlag. Er veröffentlichte sie in einer Schrift von Leopold LANDAU. Da das repräsentative 5-stöckige Gebäude (Abb. 5) im Kriege praktisch unzerstört blieb, finden Sie es heute noch in seiner alten Gestalt. Die ursprüngliche Fassade allerdings, in Altberliner Putzcharakter antikisierender Form gestaltet und mit den Büsten von LANGENBECK und VIRCHOW geschmückt, fiel den wenig zweckmäßigen, unserer Gesellschaft später finanziell zur Last gelegten Veränderungen zum Opfer. Die Originalbaupläne konnte ich nicht mehr aufspüren, doch ist das Wesentliche der Grundriss- und Raumgestaltung aus der Schrift des Baumeisters zu entnehmen.

Abb. 5: Das Langenbeck-Virchow-Haus in der Luisenstraße 58/59, Berlin-Mitte (1915); Eigentum der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und der Berliner Medizinischen Gesellschaft

Die Geschäftsstelle unserer Gesellschaft ist jetzt in die zur Luisenstraße hin gelegenen Räume des l. Stocks gezogen, die ursprünglich zur Kostenminderung über mehrere Jahre an Siemens und Halske vermietet waren. Der Berufsverband Deutscher Chirurgen befindet sich in den entsprechenden Räumen der darüber liegenden Etage. Das Treppenhaus konnten Sie gestern beim Empfang erleben. Hier stand ursprünglich die Marmorbüste der Schirmherrin unserer Gesellschaft und Initiatorin des alten Langenbeck-Hauses, das ja die Grundlage für den Folgebau des Langenbeck-Virchow-Hauses darstellte: Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach, die Gattin Kaiser Wilhelms l. Die Büste steht heute hier in diesem Gebäude. Ein Großfoto konnten Sie gestern an alter Stelle sehen und soll an jene für die Geschicke der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie bedeutungsvolle Persönlichkeit mit ihrer freundschaftlichen Zuneigung zu Bernhard von LANGENBECK erinnern.Leider ist uns das große Auditorium wegen seines Sanierungsbedarfes noch nicht wieder zugänglich. Es ist zu hoffen, dass es für Veranstaltungen im Rahmen eines künftigen „Hauses der Chirurgie” erneut zur Verfügung stehen wird. Dann werden wir uns auch wieder der reichhaltigen antiken figürlichen Darstellungen aus dem Gebiet ärztlicher Tätigkeit an der Decke und anderweitiger, überaus dekorativer Schmucketemente erfreuen können.Erwähnt sei, dass die Lage des Langenbeck-Virchow-Hauses im Medizinischen Viertel in der Luisenstraße, einer Verlängerung der Wilhelmstraße mit seinem alten Regierungsviertel, zu seiner Entstehungszeit überaus zentral war. Jörg SCHÖNBOHM, dessen wohl wollender Einfluss als Innensenator der Stadt auf die Berücksichtigung unserer Ansprüche hervorgehoben sei, hat uns dies bei seiner Begrüßung auf dem Chirurgenkongress 1997 treffend geschildert: „Die Luisenstraße ist mit der Straße Unter den Linden nicht zu vergleichen. Sie war ein bescheidener Boulevard, aber keinesfalls von geringer Berühmtheit. Der Genius der Luisenstraße war künstlerischer und wissenschaftlicher Anfang, Aufbruch, Exerzierfeld und Werkstatt. Die Beispiele sind beeindruckend.” – und er erwähnte Theodor FONTANE, Luisenstraße 12, Leopold von RANKE, Nr. 24 a, Adolf MENZEL, Nr. 24, Christian MORGENSTERN, Nr. 67, LORTZING, Karl MARX und schließlich die Tätigkeitsstätten vieler bedeutender Mediziner wie VIRCHOW, KOCH, SAUERBRUCH, um nur einige zu nennen.Doch nun noch einmal zurück zur Bauzeit. Die Grundsteinlegung war im April 1914. Die bald darauf einsetzenden kriegsbedingten Ereignisse erschwerten den Baufortgang in personeller und materieller Hinsicht. Er konnte erstaunlicherweise dennoch nach knapp 1½ Jahren abgeschlossen werden. Dies war dem Entgegenkommen hoher Militärbehörden und der Stadt Berlin sowie dem großen Einsatz der aus beiden beteiligten Gesellschaften gebildeten Baukommission zu verdanken. Am 1. August 1915 fand eine schlichte Einweihungsfeier des Hauses durch Friedrich TRENDELENBURG für den im Felde befindlichen Werner KÖRTE und durch Leopold LANDAU statt.

Abb. 6: August BIER (1861–1941), Direktor der l. Chirurgischen Universitätsklinik in der Ziegelstraße, Berlin; Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie bei der Einweihung des Langenbeck-Virchow-Hauses 1920

 

Eine offizielle Einweihung seitens der Gesellschaft aus Anlass ihres ersten, im neuen Langenbeck-Virchow-Haus abgehaltenen Kongresses – es war die 44. Tagung im Jahre 1920 – erfolgte durch den damaligen Vorsitzenden August BIER (Abb. 6), den Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik in der Ziegelstraße und damit unmittelbaren Nachfolger von Ernst von BERGMANN. Dies ist der Grund, dass ich Herrn Kollegen BALDAMUS aus Köln gebeten habe, uns die Büste seines Großvaters für diese erneute Feierstunde aus Anlass des Wiedereinzugs unserer Gesellschaft nach über einem halben Jahrhundert zur Verfügung zu stellen. Durch meine langjährige Freundschaft zur Familie BIER weiß ich von dem Nachkriegsschicksal dieser Büste. Sie wurde 1945 im Wald von Sauen vergraben, also dort unter den Bäumen, denen BIERs Liebe und fachmännische Pflege gegolten hatte. 1997 wurde sie von den Enkeln neben seinen Jagdflinten und einigen Flaschen alten Champagners aufgefunden und ausgegraben – symbolhaft für das Schicksal des Langenbeck-Virchow-Hauses, verschüttet und nicht mehr zugänglich, verloren geglaubt und jetzt wieder aus der Vergangenheit ausgegraben, also zurückgewonnen. Ob BIER den Champagner einem Wiedereinzug der Gesellschaft in das Langenbeck-Virchow-Haus zugedacht hatte??

Abb. 7: Das große Auditorium des Langenbeck-Virchow- Hauses bei der Einweihung anlässlich des 44. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, 1920, mit dem verschollenen Bilderschmuck

Von 1920–1940 fanden die jährlichen Kongresse unserer Gesellschaft im Langenbeck-Virchow-Haus statt. Wir besitzen eine Aufnahme (Abb. 7) aus dem Jahre 1920, die wohl bei der erwähnten Einweihung entstanden sein dürfte. 1943 musste man wegen der ständigen Bombenangriffe nach Dresden ausweichen, bevor es dann dem katastrophalen Kriegsende entgegenging.

Nach 1945 wurde das weitgehend erhaltene Haus in der verwüsteten Landschaft von Berlin-Mitte von der sowjetischen Militärbehörde besetzt und für ihre Belange verändert. Ein entsprechender Geldbetrag von über 700000 DM wurde unserer Gesellschaft später in Rechnung gestellt. Zu dieser Zeit und bis 1953 befand sich das Haus noch im Besitz der Gesellschaft, wobei deren Belange, wie schon in den Jahrzehnten zuvor, von Senator Georg MYLIUS gewahrt wurden. Dieser war ursprünglich als Ingenieur von Siemens in das Haus gekommen. In der Inflationszeit wurde er von der Firma Siemens & Halske mit der Verwaltung beauftragt, als das Haus schwer bedroht war und nur durch die Firma vor dem finanziellen Zusammenbruch bewahrt werden konnte. Er erwarb sich dabei ein solches Vertrauen beider Gesellschaften, dass man ihm auch später nach einer finanziellen Konsolidierung die Verwaltung für die Gesellschaften beließ, die er neben dem Amt eines Schatzmeisters der Berliner Medizinischen Gesellschaft durch 3 Jahrzehnte und vielerlei politische Wandlungen hindurch zum großen Nutzen der Langenbeck-Virchow-Haus-Gesellschaft und des Hauses selber wahrnahm.

Jahrelang hat er nach dem Kriege einen Kampf um Anerkennung der steuerlichen Gemeinnützigkeit des Langenbeck-Virchow-Hauses im Interesse unserer im Westen gelegenen Gesellschaft mit dem Hauptfinanzamt für Körperschaften geführt. Er hat dann auch dem Vorstand der Gesellschaft geholfen, einen Pachtvertrag mit der Regierung der DDR – Hauptamt Verwaltung – auf zunächst 5 Jahre abzuschließen, nachdem das Haus von den Sowjets geräumt war.

Eine neue Ära brach nunmehr für das Langenbeck-Virchow-Haus an: Hier tagte für viele Jahre die Volkskammer, und zwar bis zur Fertigstellung des „Palastes der Republik” auf der Spreeinsel im Jahre 1978. Hier wurde Wilhelm PIECK zum 1. Präsidenten des ersten so genannten „Arbeiter- und Bauernstaates” gewählt. Hier auch wurde die Gründung der Nationalen Volksarmee ausgerufen.

Der Pachtvertrag hielt nicht einmal durch die vorgesehene Laufzeit. 1953 erfolgten die Enteignung durch „Inanspruchnahme” nach der so genannten Aufbauverordnung und die Eintragung in das Grundbuch als „Eigentum des Volkes”. Von 1978 – 1989 wurde das Haus der „Akademie der Künste” der DDR übergeben.

Abb. 8: Georg MYLIUS (1873–1960), langjähriger Verwalter des Langenbeck-Virchow-Hauses, Geschäftsführer und Schatzmeister der Berliner Medizinischen Gesellschaft

Mit einem Bild von Senator MYLIUS (Abb. 8), der als Verwalter und Treuhänder jahrelang im Hause wohnte, sei seiner Verdienste gedacht. Wir besitzen noch den mit der DDR-Regierung abgeschlossenen Pachtvertrag, der die erwähnte Grundlage über die weitere Nutzung seitens der Volkskammer darstellte. In einer anderen noch vorhandenen Akte sind uns die Mühen jener Zeit aus der Feder von Georg MYLIUS erhalten geblieben. Von 1950 – 1978 tagten Volkskammer und andere sozialistische Institutionen in unserem großen Auditorium. Eine Tafel an der Frontseite des Hauses erinnert noch heute an die Wahl von Wilhelm PIECK zum Präsidenten der DDR. Im gleichen Saal unseres Hauses war 1970 die Volksarmee als Gegenmaßnahme zur Aufstellung der Bundeswehr gegründet worden.

Es sei erwähnt, dass es während jener Zeit des Bestehens der DDR Rückführungsbemühungen durch die ostdeutschen Kollegen gab. Helmut WOLFF als Vorsitzender der Berliner Chirurgischen Gesellschaft und Richard REDING als Vorsitzender der Gesellschaft für Chirurgie der DDR hatten 1987 einen entsprechenden Antrag an Erich HONECKER (Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzender des Staatsrates der DDR) gestellt, der in dessen Auftrag von Kurt HAGER (Mitglied des Politbüros, ZK der SED) eine Ablehnung erfuhr. In einer Erwiderung stellten WOLFF und REDING damals dennoch fest: „Insofern bleibt unser prinzipieller Wunsch und Anspruch auf Rückführung des Langenbeck-Virchow-Hauses in die Hände der Berliner Chirurgischen Gesellschaft, die auf eine über 100-jährige Tradition im Gebiet der Humanität und Verbundenheit mit der Berliner Bevölkerung zurückblickt, bestehen. Wir hoffen sehr, dass unserem Wunsch zu einem späteren Zeitpunkt entsprochen werden kann.”

Die Wirren des Kriegsendes und die wechselhafte Nutzung des Hauses lassen es nicht verwunderlich erscheinen, dass die gesamte kostbare Inneneinrichtung mit Bildern, Gestühl etc. verloren ging. So auch die bedeutende Bibliothek mit rund 200000 Bänden. Nicht einmal eine Fährte davon hat sich auftun lassen. Einem glücklichen Zufall ist es allerdings zu verdanken, dass im Februar 1983 bei Umbaumaßnahmen im Nordflügel der Chirurgischen Klinik in der Charite beim Abtragen einer Ziegelwand aus der früheren Leichenkammer in einem danebenliegenden Raum 11 Portraitbüsten aus weißem Carrara-Marmor gefunden wurden. Sie betrafen bedeutende Persönlichkeiten aus der klassischen Pionierzeit der Deutschen Chirurgie und die Schirmherrin unserer Gesellschaft, Kaiserin Augusta. Sie hatten das alte Langenbeck-Haus und später das Langenbeck-Virchow-Haus geziert.

F. OELSCHLEGEL, ein früherer Mitarbeiter von Helmut WOLFF, vermutete in seiner Schrift: „Wandel einer Sicht” über den Kunstbesitz der Chirurgischen Klinik der Charité, dass man diese kunstgeschichtlich wertvollen Plastiken aus der 3 Schülergeneration der Berliner Bildhauerschule in der Folge von Gottfried SCHADOW und Christian Daniel RAUCH in der letzten Kriegsphase sichergestellt hatte und nahm sogar an, dass hierbei Ferdinand SAUERBRUCH mitgewirkt haben könnte. Mir sind diesbezüglich Zweifel gekommen, da ich in alten Akten, die unserer Geschäftsstelle verblieben sind, den Hinweis fand, dass Konsul MYLIUS noch 1950 Zugang zum Langenbeck-Virchow-Haus hatte und die dort befindlichen 15 Büsten sicherstellen konnte. Ein Zettel vermerkt hierzu, dass ein Herr SCHMID zwar nicht 15 Büsten, aber doch 12 einschließlich der Bronzebüste von BERGMANN abtransportiert hat. Diejenige von BERGMANN befand sich dann jahrelang auf der Unfallstation in der Ziegelstraße, eine weitere wird die von VIRCHOW gewesen sein, die man damals vor dem Pathologischen Institut aufstellte, während die Büste von Johannes von MÜLLER später zum Physiologischen Institut kam. Über die 15. Plastik, die MYLIUS offensichtlich noch erfasst hat, konnte ich nichts in Erfahrung bringen.

Bei den anderen aufgefundenen Büsten handelte es sich um diejenigen von:

– Bernhard von LANGENBECK, Berlin, 1810–1887
– Gustav SIMON, Rostock und Heidelberg, 1824–1876
– Carl VELTEN, Cottbus, 1819–1896
– Carl David Wilhelm BUSCH, Bonn, 1826–1881
– Victor von BRUNS, Tübingen, 1812–1883
– Richard von VOLKMANN, Halle, 1830–1889
– Theodor BILLROTH, Zürich und Wien, 1829–1894
– Franz KÖNIG, Marburg, Göttingen, Berlin, 1832–1910
– Ernst Georg Friedrich KÜSTER, Marburg, 1839–1930
– Karl THIERSCH, Erlangen und Leipzig, 1822–1895
– Ernst von BERGMANN, Dorpat, Würzburg, Berlin, 1836–1907
– Rudolf VIRCHOW, Würzburg, Berlin1821–1902
– Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach,
Gemahlin Kaiser Wilhelms l, 1811–1890

1989 kam die Wiedervereinigung, in deren Folge sich eine Rückgabe des alten Eigentums anzubahnen schien. Edgar UNGEHEUER als Generalsekretär und Wilhelm HARTEL zunächst als Präsident, später in der Nachfolge des Generalsekretärs, widmeten sich mit großem Elan dieser aufregenden Aufgabe. Schon waren Architekten mit der Erstellung von Umbauplänen, Kostenschätzungen und einem Finanzierungsvorschlag beauftragt, als nach wenigen Monaten eine Rücknahme durch das Amt zur Regelung offener Vermögensfragen sowie die Widerspruchsbehörde erfolgte, und zwar mit dem Hinweis, man habe festgestellt, das Haus sei doch „Eigentum des Volkes”. Zu DDR-Zeiten hatte man sich über eine Enteignung nicht verwundern dürfen – man sprach auch deshalb von einem „Unrechtstaat”! Wie sollen wir nun aber die heutige Verfahrensweise beurteilen? Immerhin hat sich unter anderem Jörg SCHÖNBOHM als damaliger Innensenator zumindest von unserem moralischen Anspruch überzeugen lassen und uns 1997 bei der Kongresseröffnung im Opernhaus Unter den Linden versichert, dass der Senat der Stadt es mit Dankbarkeit begrüßt und es unterstützen will, wenn die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie ihren Sitz und die Geschäftsführung an den ihr angestammten Platz nach Berlin, also in das Langenbeck-Virchow-Haus, zurückverlegen will. Unter dieser Prämisse kam es 1997/98 zu wiederholten Verhandlungen mit dem Senat und der Charité, die inzwischen Nutznießer des Hauses geworden war. Dabei wurde ein Kompromiss ermittelt, der bis zum Abschluss des laufenden Rechtsverfahrens über die Rückführung unseres Eigentums gelten soll und die Belange beider Seiten berücksichtigt. Damit wurde es möglich, dass noch im Jahre 2000 die Geschäftsstellen des Berufsverbandes deutscher Chirurgen und der deutschen Gesellschaft für Chirurgie einziehen konnten sowie in den letzten Wochen diejenigen der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlicher Medizinischer Fachgesellschaften (AWMF), der deutschen Gesellschaften für Gefäßchirurgie, für Thoraxchirurgie, für Herz-Thorax- und Gefäßchirurgie und für Kinderchirurgie sowie der Vereinigung der Deutschen Plastischen Chirurgie, der Gemeinschaft Fachärztlicher Berufsverbände (GFB), des Konvents Leitender Krankenhauschirurgen (KLK), des Vorstands Leitender Unfallchirurgen (VLU) und der Müller-Osten-Stiftung. Auch die Berliner Medizinische Gesellschaft wird hier ihre Adresse haben.

Es entspräche der Zukunftsplanung unserer Gesellschaft, wenn dieses Haus auch äußerlich den Verbund der verschiedenen chirurgischen Disziplinen fördern könnte und wir eines Tages durch ein „Haus der Chirurgie” eine wünschenswerte gemeinsame Ausstrahlung nach außen sowie einen festen Verbund nach innen, d. h. untereinander, bekämen.

Ich schließe dabei mit dem Wunsch August BIERs, den er der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie vor 80 Jahren für ihr Wirken im Langenbeck-Virchow-Haus mitgegeben hat:

„Möge von LANGENBECK’s Geist mit einziehen in dieses Haus, das ist der Geist wahrer Wissenschaft, vollendeter ärztlicher Kunst, treuer Pflichterfüllung, Vornehmheit, Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Menschenfreundlichkeit”.

Literatur:
Peiper H.-J.:
Das Langenbeck-Virchow-Haus und seine Geschichte im Spiegel der deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Reinbek, Einhom-Press, 2001

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Hans-Jürgen PEIPER,
Senderstraße 41
D-37077 Göttingen-Nikolausberg

Aus: DGCH – Mitteilungen 3/01 S.174-180
mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie

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